Die Corona-Toten sichtbar machen

Die Corona-Toten sichtbar machen

Seit dem 20. Dezember letzten Jahres leuchten jeden Sonntag ab 17:00 Uhr Kerzen auf dem Klosterplatz. Unter einem Schild mit der Aufschrift „Wir gedenken der Corona-Toten“ wächst die Zahl der Kerzen beständig. Was sind die Hintergründe dieses kleinen Gedenkortes? Norbert Schaldach, der Mitinitiator des Bielefelder Gedenkens, erklärt es uns in einem Gastbeitrag.

Alles wurde in den Corona-Monaten kontrovers diskutiert, doch eines blieb dabei bis heute gleich: die Opfer der Pandemie, also die Verstorbenen und ihre Hinterbliebenen, sind auf befremdliche Weise nachrangig. Hinter täglichen Zahlenkolonnen, die wie Börsenkurse anmuten, verschwinden die Toten. Ihre Namen und die Trauer der Angehörigen kennt und sieht niemand. Bestatter sprechen schon von „Corona-Scham“. Um diesem kollektiven Verdrängen entgegenzuwirken, hat der Schriftsteller und Ex-Bielefelder Christian Y. Schmidt am 6. Dezember 2020 erstmals öffentlich in Berlin eine Kerze entzündet und dazu einen Aufruf veröffentlicht, Titel: „Die Corona-Toten sichtbar machen.“ Unter diesem Leitspruch gibt es inzwischen landesweit 35 Orte des Gedenkens. Diesen Orten ist gemein, dass sie eine Art Randlage der Wahrnehmung symbolisieren, passend zum Anlass. Wenn dabei die Anzahl der Kerzen langsam zunimmt, wie auf dem Klosterplatz geschehen, wenn nach und nach auch Blumen hinzukommen, dann verändert sich der Ort langsam. Die Gedenkenden schmücken ihn durch ihre Beteiligung und werten ihn so immer mehr auf.

Unser stilles Gedenken sonntags ab 17:00 Uhr ist bewusst aktionsfrei. Es werden keine Reden gehalten. Alle kommen als private Einzelpersonen hinzu. Hygiene- und Abstandsregeln sind dabei selbstverständlich. Aber auch während der Woche suchen Menschen den Klosterplatz auf, um eine Kerze zu hinterlassen. Manche Kerzen sind mit den Namen von Verstorbenen beschriftet. Die Idee hat also Anklang bei den Betroffenen gefunden. Auch durften wir den persönlichen Dank von Hinterbliebene hören, was immer besonders bewegend ist.

Wie lang soll dieses Gedenken fortgesetzt werden? Christian Y. Schmidt erklärte in seinem Aufruf vom 6. Dezember: „Wir werden es so lange fortsetzen, bis die Zahl der Covid-19-Toten in Deutschland endlich das öffentliche Bewusstsein erreicht hat.“ Als er das sagte, waren in Deutschland 18.000 Menschen gestorben, inzwischen hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. Und ein Ende des Sterbens ist nicht abzusehen. Also freuen wir uns über jede neue Kerze, die dem kleinen Gedenkort am Klosterplatz hinzugefügt wird.

Informationen über das bundesweite Gedenken: https://www.facebook.com/CoronaToteSichtbarMachen

Pastoralverbund Die Corona-Toten sichtbar machen