Ein Blick zurück: „… zum Segen der ganzen Pfarrgemeinde“

Ein Blick zurück: „… zum Segen der ganzen Pfarrgemeinde“

Mit diesen Worten endet ein kurzer Bericht im Westfälischen Volksblatt in der 2. Adventswoche des Jahres 1930 mit der Überschrift „Die erste Messe im Wellensiek“. Das berichtete Ereignis markiert den Anfang unserer Gemeinde am 7. Dezember 1930. Die Chronik der Gemeinde beginnt mit einem kurzen Abriss der Vorgeschichte:

„Die Siedlung der Ravensberger Heimstätten Gesellschaft in Bielefeld, am Wellensiek gelegen, wurde Herbst 1929 und im Laufe des Jahres 1930 bezogen. Im Herbst 1930 hatten sich hier auch rund 180 Katholiken niedergelassen. Zur Erfüllung der religiösen Pflichten mussten dieselben die St. Jodokus Kirche in Bielefeld aufsuchen, die fast eine Stunde Weges entfernt liegt. Zwar war durch einen städtischen Autobusverkehr die Verbindung mit der Stadt in ¼ Stunde zu erreichen. Dieses war aber mit hohen Unkosten verknüpft, auch war diese für viele Familien mit manchen Schwierigkeiten verbunden. Es wurde daher der Wunsch von verschiedenen Seiten laut, zu versuchen, in der Siedlung selbst an Sonn- und Feiertagen Gottesdienst zu halten.“

Bürokratische Akte dauerten vor 95 Jahren offenbar nicht so lange wie heute. Im September 1930 fand eine erste Vorbesprechung im Pastorat St. Jodokus statt, am 13. Oktober eine weitere Besprechung und die

„Besichtigung der evangelischen Wellensiekschule, in der der Gottesdienst geplant war. Die hochwürdige Geistlichkeit stand der Angelegenheit nicht ablehnend gegenüber, musste aber erst noch eingehend prüfen, ob auch mit den vorhandenen geistlichen Kräften der Plan durchgeführt werden konnte.“

Diese „geistlichen Kräfte“ waren Pastor Schmidt und drei Vikare. Dazu kamen weitere Geistliche, darunter Patres verschiedener Orden. Am 23. November wurde der Versammlung der Katholiken des Wellensieks in der Schule mitgeteilt: von der bischöflichen Behörde sei die Genehmigung erteilt.

„Die Freude der Katholiken des Wellensieks war hierüber groß. Am 7. Dezember 1930 morgens um 8 Uhr fand der erste Gottesdienst, ein feierliches Hochamt, statt. Herr Pastor Schmidt erschien selbst, um das erste hl. Messopfer nach mehr als 400 Jahren auf ehemaligem Dornberger Gebiet darzubringen. Auch einige Herren des Kirchenvorstandes der St. Jodokus Gemeinde waren zu dieser großen und erhabenen Feier erschienen. Der Hochwürdige Herr Pastor wurde am Eingang der Schule von Schulkindern, die Mädchen als Engelchen gekleidet, durch einen Sprechchor empfangen und dann zu dem Schulraum, der als Gottesdienstraum hergerichtet war, geleitet. In der Predigt wies Herr Pastor Schmidt darauf hin, dass Dornberg einst vor mehr als 400 Jahren eine blühende katholische Gemeinde gewesen sei, die als ihren Schutzpatron den Hl. Oswald verehrte und lange Zeit ein viel besuchter Wallfahrtsort war. An dem ersten Hl. Messopfer nahmen rund 110 Personen teil und 22 Personen gingen zum Tisch des Herrn.

Gleichzeitig sei auch derjenigen Personen gedacht, die keine Mühe, Arbeit und Opfer gescheut haben, um den Gottesdienstraum würdig herzurichten. Herr Kuhlmann hatte die Beschaffung des Altares übernommen, der von einem auswärtigen, evangelischen Schreinermeister gefertigt und unentgeltlich (sic!) zur Verfügung gestellt worden ist. Fräulein Dahlhoff stiftete einen herrlichen, seidenen Altarbehang. Auch ein Paar schöne Altarleuchter wurden zu Händen von Fräulein Dahlhoff durch eine evangelische Dame gestiftet.“

Welch ein Erfolg – von der ersten Vorbesprechung bis zum ersten Gottesdienst verging nicht einmal ein Vierteljahr. Am 9. September 1931, einem Mittwoch, nachmittags um 15.30 Uhr besuchte Weihbischof Hillebrand die „Notkapelle“ in der Wellensiekschule. Die Messfeier war bestens besucht. Das Westfälische Volksblatt berichtet über die Worte des Bischofs:

„Als katholische Minderheit, umgeben von einer großen Anzahl von Andersgläubigen, sollten sie treu zusammenhalten in Eintracht und Nächstenliebe, in Gemeinschaftssinn und Frieden mit denen zusammenleben, die nicht gleichen Glaubens seien, ohne aber auch nur das Geringste von ihrer Glaubensüberzeugung abzuschütteln. (…) Ganz besonders warnte der Weihbischof vor der Eingehung einer gemischten Ehe, der auch der größte Teil der protestantischen Geistlichkeit ablehnend gegenüber stände. In jede katholische Familie gehöre eine katholische Tageszeitung und nicht die sog. ‚neutralen Blätter‘.“

Es gab viele Zuschauer, als der Weihbischof die Schule verließ, auch aus der Stadt, u.a. Schwestern des Franziskus Hospitals. Aber einen Wermutstropfen gab es:

„In liebenswürdiger Weise hatte die Leitung der Ravensberger Heimstättengesellschaft die Beflaggung der Siedlung angeordnet, während die Erlaubnis zur Aushängung der Schulfahne nicht gestattet wurde. Etwas mehr Entgegenkommen hätte man uns Katholiken gegenüber doch von der maßgebenden Stelle der Stadtverwaltung erweisen dürfen.“

So langsam kehrt Normalität ein. Wieder zitiere ich das Westfälische Volksblatt aus dem Oktober 1930 unter der Überschrift „Katholisch in der Bielefelder Diaspora“:

„Katholisches Wochenend! Samstag abends und Sonntag morgens tragen sie die zum Gottesdienst notwendigen Sachen. Vom Hause zur Schule, von der Schule zurück zur Wohnung. Ungeachtet der oft spöttischen Mienen der Andersgläubigen, der Freidenker, der Gottesleugner. Einer trägt das Messbuch, ein anderer den Altarstein und die Kerzenleuchter, Blumen in Töpfen und Vasen, Altartücher und Messgewand, Kruzifix und Schutzengelstatue. Teils geliehen, teils gestiftet. Drei bauen den Altar auf und ab. Holen die schwere Kommunionbank vom Boden der Schule. Die Holzlatten zur Befestigung der Altarrückwand aus Seidenstoff. Den Altarvorbau. Die Stühle müssen zum Teil aufgestellt werden. An Festtagen wird das Hindenburgbild durch eine ‚Madonna della sedia‘ ersetzt. Festlich mit Blumen wird der Altar geschmückt. Jeden Sonnabend! Denn jeder Sonntag ist für die Katholiken im Wellensiek ein Feiertag, wo der Christkönig seinen Einzug in die Siedlung hält. Die schwarzen Wandtafeln schauen gespenstisch hinter dem seidenen Altarhintergrund hervor. Das Lehrerpult bildet einen Seitenaltar. An der Epistelseite hängt ein Bild des verstorbenen Pastor von Bodelschwingh. Es stört nicht! Er war ein Christusjünger, einer, der die Nächstenliebe als größtes Gottesgebot predigte und auch beobachtete. Gottesdienst! Heilige Messe im Wellensiek! Früher besuchten nur vereinzelt die im Wellensiek wohnenden Katholiken sonntags den Gottesdienst in der Pfarrkirche in Bielefeld. Wegen Lauheit oder wegen der hohen Fahrtkosten bei schlechtem Wetter für die zahlreiche Familie. Verständlich, aber nicht katholisch-pflichtbewusst! Heute ist der Schulraum Sonntags zur hl. Messe voll besetzt. Beispiele ziehen an. Alle fühlen sich für eine Stunde von allen Alltagsfragen entrückt, geborgen im Heiligtum des Allerhöchsten. Möge der Wunsch der Katholiken im Wellensiek nach einer eigenen Kapelle bald in Erfüllung gehen. Sonntags hl. Messe im Wellensiek! Ein immer wiederkehrendes seelisches Ereignis! Katholisches Streben! Katholische Aktion und Laienapostolat!“

Die ersehnte kleine Kirche, am 10. April 1944 (Ostermontag) geweiht, steht noch heute und wird seit 1992 von der Serbisch-Orthodoxen Gemeinde genutzt.

Wilfried Joh. Schacker

alle Zitate aus: „Die Chronik der Katholischen Kirchengemeinde Heilig Geist 1930 – 1997“, hrsg. von der Pfarrjugend / Gemeindezeitung doceri 2002


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